Das Projekt  "Neues Testament und Antike Kultur" (NTAK)

Leitidee:

Das Projekt trägt den Arbeitstitel „Neues Testament und Antike Kultur“ (NTAK). Die Leitidee ist es, den interdisziplinären Austausch zwischen historisch arbeitender Theologie (neutestamentliche Exegese, Geschichte der Alten Kirche), Alter Geschichte, Sozialwissenschaften und Ethnologie zu intensivieren. Das geschieht aus der Einsicht heraus, dass die neutestamentliche Exegese nur in Zusammenarbeit mit angrenzenden Fachgebieten zu weiterführenden Ergebnissen in der Erforschung antiker Quellen wie des Neuen Testaments gelangen kann.

Zum forschungshistorischen Hintergrund:

In den letzten Jahren hat sich die stillschweigende Arbeitsteilung der an sich verwandten Wissenschaftsdisziplinen Neues Testament, Altertumswissenschaften und Judaistik als gravierendes Problem erwiesen. In allen drei Wissenschaftsbereichen kommt immer mehr zu Bewusstsein, dass die bisher geübte Abgrenzung bzw. Differenzierung der Forschungsgegenstände und -aufgaben sich eher der Entstehungsgeschichte der beteiligten Wissenschaftsdisziplinen als dem jeweiligen Forschungsgegenstand verdankt. Denn der ist diesen Wissenschaften grundsätzlich gemeinsam: die antiken mediterranen Kulturen und Gesellschaften. Zu dieser Erkenntnis hat die Entdeckung sozialwissenschaftlicher bzw. anthropologischer Methoden und Modelle durch alle oben genannten Disziplinen beigetragen, nicht zuletzt auch die Thematisierung des Forschungsgegenstandes „(antike) Mittelmeerwelt“ in den Sozialwissenschaften (vor allem Anthropologie bzw. Ethnologie) selbst. Für die Wissenschaft vom Neuen Testament bedeutet der Wandel einerseits, dass diese Schriftensammlung bewusster als bisher als Hervorbringung und integraler Teil der antiken Mittelmeerwelt zu verstehen ist, andererseits, dass ihr besonderes Profil gerade und besser auf dem Hintergrund des Gemeinsamen zur Geltung kommen kann. Bisher ist – jedenfalls in der Bundesrepublik Deutschland – noch nicht versucht worden, die beteiligten Disziplinen unter diesen Voraussetzungen an einen Tisch zu bringen und zu einem Abgleich ihrer neu hinzugewonnen Erkenntnisse bzw. zu einem Dialog über ihren gemeinsamen Forschungsraum zu bewegen. Der wissenschaftliche Austausch beschränkt sich meistens auf sich überschneidende Interessenbereiche, doch ist die Veränderung der gesamten Forschungs-Landschaft noch nicht hinreichend thematisiert worden. Dazu soll „Neues Testament und Antike Kultur“ ein Forum bieten.

Der interdisziplinäre Charakter des Forschungsgegenstands:

Zu klären sind grundlegende Fragestellungen bzw. Problembestimmungen. Fundamental geht es

1.
um eine konzeptionelle Neufassung des Verständnisses von Religion, Gesellschaft und Kultur in der Antike. Hier wären v.a. makro-soziologische und anthropologische Theorien und Modelle hinsichtlich ihrer Anwendung auf die antike Mittelmeerwelt zu prüfen. Insbesondere bedürfen auch das Verhältnis
2.
von Religion und Kultur,
3.
von Religion und Politik und
4.
von Philosophie, Ethos und Religion


einer Neubestimmung. Es ist deutlich, dass das Projekt über weite Strecken Grundlagenforschung in den genannten Fragestellungen zu leisten hat. Unter Aufnahme eines modernen (anthropologischen) Kulturverständnisses ist Religion nicht länger eine separate Sonderwirklichkeit (für die die Theologie zuständig ist), sondern Teil von Kultur. Die gewohnte fundamentale Unterscheidung zwischen jüdisch-christlich bzw. pagan, die gleichsam theologisch, d.h. an der Wahrheit der Gottesverehrung (z.B. Monotheismus vs. Polytheismus) entlang vorgenommen wurde, ist unter diesen Voraussetzungen kaum noch aufrecht zu erhalten. Ein moderner, postaufklärerischer Religionsbegriff (etwa die Trennung von privater und öffentlicher Religion) hat jedoch verhindert, das Verhältnis von Religion und Politik in der antiken Mittelmeerwelt als zentrales Interesse kultischer Praxis (im Tempel) zu sehen; statt dessen wird das Verhältnis weiterhin unter der Kategorie des „Missbrauchs“ der Religion etwa durch den Kaiserkult als Loyalitätsreligion bestimmt. Von diesem Ansatz aus wäre z.B. das Verhältnis des Jerusalemer Tempels zu anderen Tempeln (Roms und anderer poleis) neu zu überdenken. Damit verbunden ist die Frage nach dem Ersatz des (politischen) Tempelkultes in der tempellosen Gemeinschaft der frühen Christen/innen bzw. auch in den Synagogen (der Diaspora) vor und nach 70 n. Chr. Schließlich: Wenn antike Philosophie - wie P. Hadot formuliert hat – (auch) eine „Lebensform“ war, wie unterscheiden sich Philosophie bzw. die Existenz philosophischer Schulen von Religion und von Ethik? Diese Frage stellt sich insbesondere auch für das frühe Christentum (das sich bald selbst gern als Philosophie bezeichnete). Sie stellt sich aber auch für das Judentum (etwa: die Existenz verschiedener religiöser „Parteien“ wird von Josephus mit philosophischen Schulen verglichen; war die Jesusbewegung eine kynische Gemeinschaft?; die Synagogen auch als Ort der jüdischen Lehre, Praxis, des jüdischen Ethos?).

Relevanz und Aktualität des Projekts:

Das Forschungsprojekt bezieht seine Relevanz und Aktualität nicht zuletzt aus der Besinnung auf die Wurzeln und die kulturelle Identität Europas. Gerade in einer Zeit, in der die Diskussion um eine politische und wirtschaftliche Integration der Völker Europas und – innerhalb der Bundesrepublik Deutschland – um die sogenannte „Leitkultur“ neu entfacht ist, bietet das Miteinander der verschiedenen historischen Wissenschaften die Chance, zu einer Klärung dieser Fragen beizutragen. Wie ist das „christliche Abendland“ entstanden? Welche Einflüsse hat es absorbiert? Wie hat sich das Wechselverhältnis von Kultur, Politik und Religion vor 2000 Jahren dargestellt? Sind aus historischer Sicht Korrekturen an unserem europäischen Geschichts- und Kulturbegriff notwendig? Nur im interdisziplinären Miteinander können die genannten Grundsatzfragen vorwärts gebracht werden.

Materialisierung des Projekts:

Das Projekt zielt auf eine Reihe von Publikationen, möglicherweise im Rahmen einer dafür zu gründenden interdisziplinären Reihe bzw. Zeitschrift. Zunächst ist ein breit angelegtes Studienbuch für Studierende der verschiedenen Fächer in Vorbereitung.